JOE MEEK


 

Joe Meek - ein Portrait

Teil 9: Stimmen und außerirdische Mächte

( here!)

 

Nochmals: Heinz

1965 kam, was kommen musste: Heinz Burt kapierte, dass ihm das weitere Zusammenleben mit Joe Meek keine Vorteile mehr bringen würde. So legte er sich eine Dauerfreundin namens Della zu und brachte sie offensiv mit ins Studio (sie wurde später seine Frau, die Ehe hielt immerhin 15 Jahre). Und mehr noch, er verklagte Meek wegen ausstehender Tantiemen und wollte zu einem anderen Produzenten wechseln. Meek, tief getroffen, drohte damit, zumindest einen Teil seiner Investitionen in Heinz zurückzufordern und prophezeite im übrigen, er (Heinz) werde mit keinem anderen Produzenten jemals eine Platte aufnehmen.

Möglicherweise ahnte selbst Heinz, dass Meek mit dieser Prophezeiung richtig liegen könnte. So einigten sich die beiden darauf,  dass Meek zwar weiterhin Heinz' Produzent bleiben, Heinz aber aus 304 ausziehen würde. Seine neue Adresse war 54 Great Peter Street, Westminster; die Wohnung war Anlagevermögen aus den Beständen von Meeks Teilhaber Tom Shanks, Petula Clark hatte eine Zeitlang dort gewohnt.

Meek produzierte noch vier weitere Singles mit Heinz. Sie wurden kaum noch zur Kenntnis genommen, Mitte 1966 war der Ofen dann endgültig aus.

 

Glenda

Meek-Biograph John Repsch schreibt, dass Meek sein Schwulsein oft als Belastung empfand und zeitweilig auch hoffte, er könne davon "geheilt" werden. Deshalb, aber auch wegen der Krise mit Heinz, und weil ihn gelegentlich die Sehnsucht nach einem Familienleben und einem Haus mit einem weißgestrichenen Gartenzaun überfiel, und letztlich wohl auch in der Hoffnung, aus der Schwulenkartei gestrichen zu werden, dachte Meek Anfang 1966 über eine Heirat nach. Seine Wahl fiel auf die Sängerin Glenda Collins, mit der er seit rund drei Jahren zusammengearbeitet hatte.

Glenda Collins, ca. 1964
(Foto: unbekannt)

Meeks Überlegung war für damalige Verhältnisse nicht völlig abwegig. Etliche Schwule, die in der Öffentlichkeit standen, hatten pro forma geheiratet, andere führten eine im Prinzip ernstgemeinte Ehe, die intern aber auf die individuellen Bedürfnisse der Partner abgestimmt war.

Glenda Collins und Meek mochten sich gern, eine Liebesbeziehung war es nicht. Zudem ging es wohl auch um Geld; Meek hoffte anscheinend auf eine Finanzspritze von Glendas Vater. Das war eine Kombination, die nur scheitern konnte.

 

Paranoia und sprechende Bilder

Nach der Trennung von Heinz und den verunglückten Heiratsplänen verlor Meek nicht nur immer mehr den roten Faden, sondern zusehends den Verstand. Er bildete sich ein, seine Vermieter wollten ihm kündigen (nichts dergleichen ist bekannt, obwohl er gelegentlich mit der Miete im Rückstand war), er überwarf sich grundlos mit Mitarbeitern und den wenigen ihm noch verbliebenen Freunden. Selbst Geoff Goddard strich nun endgültig die Segel - er fühlte sich in 304 bedroht und wurde dort nicht mehr gesehen.

Meeks Paranoia wuchs ins Absurde, nachdem in einem Vorort die grauenhaft zugerichtete Leiche eines siebzehnjährigen Jungen entdeckt wurde. Dieser Fund löste eine der größten Polizeiaktionen aus, die Großbritannien bis dahin erlebt hatte, und Meek, der den Jungen anscheinend gekannt hatte, war überzeugt davon, die Polizei verdächtige und beobachte ihn.

Auch Buddy Holly und die anderen Schutzheiligen, die ihm bis dahin per Ouija-Board oder auf Séancen stets hilfreich zur Seite gestanden hatten, wandten sich nun gegen ihn oder schienen ihn ganz und gar verlassen zu haben. Meek begann Nebengeräusche auf seinen Aufnahmen zu hören, die er auf versteckte Abhörelektronik zurückführte; er riss Tapeten von den Wänden, um die Wanzen, die doch irgendwo sein mussten, endlich zu finden. Und er war sicher, seine Hauswirtin Violet Shenton belausche ihn allabendlich durch den Kamin - im Auftrag der "rotten pigs" von der Konkurrenz.

Einem Freund vertraute Meek an, dass er nachts, wenn es dunkel im Schlafzimmer sei, oft ein Wesen um sein Bett schleichen höre. Außerdem sei seine Stimme nicht mehr seine eigene, er werde von außerirdischen Mächten verfolgt, die seine Gedanken kontrollierten, und wenn er nachts allein in der Wohnung sei, sprächen gelegentlich Bilder an der Wand zu ihm, aber er könne nicht verstehen, was sie sagten.

 

Chaos, überzogene Konten und die Steuerfahndung

Die Geräusche, die er auf seinen Aufnahmen zu hören glaubte, könnten sein eigener Tinnitus gewesen sein. Möglicherweise hörte er nachts, wenn es in der Wohnung still war, Stimmen und Geräusche aus den Nachbarwohnungen. Angesichts seines jahrelangen und zu dieser Zeit bereits extremen Konsums von Psychopharmaka ist aber auch vorstellbar, dass sein überreiztes Nervenkostüm bereits echte Halluzinationen produzierte.

In all diesem Chaos produzierte Meek weiterhin Musik, Tag für Tag. Einige der Aufnahmen aus dieser Phase gehören zu seinen besten. Die Musikproduktionen kosteten viel Geld, brachten aber keines mehr ein. Zu allem Überfluss erschien dann noch die Steuerfahndung und verlangte die Offenlegung der Geschäftsbücher, die natürlich seit dem Rausschmiss "Major" Banks' niemand mehr führte.

Mitte 1966 waren alle Privat- und Firmenkonten bis zum Anschlag überzogen. Ende 1966 war Meek schließlich gezwungen, Lebensmittel zu klauen. Nur seine Anzüge waren tipptopp. Das schaffte er irgendwie immer.

 

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Quellen s. Teil 13


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last update: Aug 20, 2010